5. Dezember – Idealer Wuchs (Herr Sönnichsen)

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Die Natur ist bekanntlich der größte Pfuscher, den’s gibt. Sieht man doch schon an sich selbst: Entweder man ist zu dick oder zu dünn oder zu lang oder zu kurz. Ich hab‘ zum Beispiel schiefgewachsene Schneidezähne, meine Frau hat – na ja, lassen wir das. Auf jeden Fall: Die Natur liefert keine ordentliche, gleichmäßige Arbeit, wie sich das gehört.

Wem dies das ganze Jahr nicht auffällt, der merkt es aber spätestens zu Weihnachten: an seinem Tannenbaum. Auf der Straße, wo Sie ihn gekauft hatten, war er noch ausgewogen und harmonisch. Der Händler hat noch gesagt: „Da haben Sie aber ein Prachtexemplar erwischt!“ Und Sie mussten ihm recht geben. Dann kommen Sie damit nach Hause und zeigen das Prachtexemplar stolz Ihrer Frau. Und was sagt Ihre Frau? „Um Gottes willen, Herbert! Was ist das denn für eine Missgeburt!“ Und tatsächlich: Jetzt erkennen Sie es auch. Plötzlich hat das gute Stück oben nur ein paar magere Strünke, unten ist es rechts sehr buschig, aber links muss es irgendwann im Wald mal von einem Elefanten getreten worden sein.

Der Stamm erinnert Sie von der Seite gesehen sehr stark an einen Flitzbogen. Kurz und gut, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als erst einmal einen kräftigen Schluck aus der Weinbrandfalsche zu nehmen, die Säge aus dem Keller zu holen und sich zwecks Korrektur der Natur auf den Balkon zu begeben.

Ich habe in der sogenannten Tannenbaum-Schönheits-Chirurgie langjährige Erfahrung. Zuerst stelle ich fest: links müssen zwei Zweige abgesägt werden. Wenn das geschehen ist, stelle ich fest, dass nunmehr rechts drei Zweige abgesägt werden müssen. Wenn das geschehen ist, erweist es sich als das beste, rechts nochmals drei Zweige – und so weiter und  so weiter.

Es kommt unweigerlich der Augenblick, wo ich mich zur sogenannten Totalamputation entschließe: Das heißt, ich entferne auch noch die restlichen Zweige. Nun halte ich den nackten Stamm in der Hand, während die Zweige kniehoch den gesamten Balkon bedecken. Damit sind nun die Voraussetzungen ideal, um zu einem wirklich vollkommenen Weihnachtsbaum zu gelangen. Allerdings muss ich jetzt sehr schnell handeln, bevor etwa meine Frau auf dem Balkon erscheint und mich mit Schreckensrufen wie „Tannenbaummörder“, „amoklaufender Weihnachtsmann“ und ähnlichem einschüchtert. Ich nehme also sofort Bohrer und Zollstock und bohre in regelmäßigen Abständen Löcher in den kahlen Stamm. In diese stecke ich die schönsten der abgesägten Zweige – und erhalte so einen rundherum absolut gleichmäßig gewachsenen Weihnachtsbaum.

Die Methode hat allerdings einen Haken. Wenn der Baum am ersten Weihnachtstag bereits alle Nadeln verloren hat, ist es immer wieder sehr mühsam, meiner Frau begreiflich zu machen, dass dies an der Umweltverschmutzung und so weiter liegt. Sie sagt: Bei anderen halten die Bäume aber länger. Wozu ich nur sagen kann: eines gibt’s eben nur – entweder idealer Wuchs oder hässliche Haltbarkeit.

Gekürzt nach Hans Schreiber: Der Weihnachtsmann in Nöten, München 1997.

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